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Auf der Jagd nach grünen Diamanten: Wie Banken ihr Kreditrisiko im Firmenkundengeschäft senken
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Auf einen Blick
  • Die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsverzugs ist bei Firmenkunden, die ESG-Themen nur wenig Beachtung schenken, doppelt so hoch wie bei Vorreitern.
  • Dies gilt unabhängig von Größe, Profitabilität und Verschuldungsgrad der Unternehmen.
  • ESG-Analysen helfen Banken, ihr Kunden- und Risikomanagement sowie ihr Pricing zu verbessern und ihre Refinanzierungsmöglichkeiten zu erweitern.

Im Zuge der weltweiten Nachhaltigkeitsdiskussionen erobern ESG-gebundene Kredite (Environmental, Social, Governance) zunehmend die Finanzwelt. Denn ihre Konditionen hängen nicht zuletzt davon ab, dass Ziele in den Bereichen Umweltschutz, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung verfolgt und auch erreicht werden. Dabei beschränkt sich der Siegeszug nachhaltiger Finanzierungen längst nicht mehr nur auf Europa. BNP Paribas beispielsweise konnte in Nordamerika bereits entsprechende Kreditvereinbarungen mit der Low-Cost-Airline JetBlue Airways, dem Verpackungsmittelhersteller Crown Holdings und dem Ingenieurdienstleister WSP Global abschließen.

Bislang gab es jedoch kaum Informationen darüber, ob und in welchem Umfang vermehrte Nachhaltigkeitsanstrengungen von Firmenkunden Auswirkungen auf das Kreditrisiko von Banken haben. Offensichtlich dagegen ist bei börsennotierten Unternehmen die Verbindung zwischen hohem ESG-Standard und Aktienkursen. Selbst in der Corona-Pandemie haben sich Anteilsscheine mit hohen ESG-Ratings bis heute besser entwickelt als der Aktienmarkt insgesamt.

Umfassende Datensammlung, fundierte Analyse

Erstmals belegt nun aber eine Auswertung des Kreditbuchs der niederländischen Rabobank: Je nachhaltiger Unternehmenskunden wirtschaften, desto geringer ist das Kreditrisiko ihrer Bank. Für diese Auswertung wurden zunächst branchenspezifische ESG-Informationen von rund 20.000 kleineren und mittelständischen Kreditnehmern der Rabobank erfasst. So erteilten Industrieunternehmen unter anderem Auskunft darüber, ob sie Abfälle recyceln, ob sie Wasser mehrfach nutzen und ob beziehungsweise wie sie Energie sparen. Landwirtschaftliche Betriebe wurden zudem zu Themen wie Flächenmanagement und artgerechter Tierhaltung befragt. Nachweise wie Öko-Zertifikate komplettierten das Datenmaterial.

Nachfolgend verdichteten Bain und die Rabobank diese Informationen zu einem ESG-Ranking auf einer Skala von 0 bis 100. Mithilfe statistischer Verfahren wurde verhindert, dass exogene Faktoren wie Unternehmensgröße, Profitabilität oder Verschuldungsgrad die Ergebnisse verzerren.

Häufiger Zahlungsverzug bei niedrigem ESG-Rating

Der Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Kreditrisiko ist eindeutig. Exemplarisch hat in einer Branche nahezu jedes zweite Unternehmen mit weniger als 20 ESG-Punkten mit Zahlungsrückständen zu kämpfen. Bei den Top-Performern mit mehr als 80 Punkten befindet sich nur jedes zwanzigste Unternehmen in Verzug (Abbildung). Über alle Branchen betrachtet ist das Risiko einer Bank bei Firmenkunden mit geringem Engagement in puncto Nachhaltigkeit doppelt so hoch wie bei ESG-Vorreitern. Diese Korrelation besteht auch über verschiedene Branchen und Regionen hinweg. 

Die Gründe dafür lassen sich aus den Daten selbst nur schwer herauslesen. Doch mit der Erfahrung aus zahlreichen ESG-Projekten ist es für die Bain-Experten wie auch für die Kundenverantwortlichen der Rabobank naheliegend, dass das Management eine zentrale Rolle spielt. Vorausdenkende Führungskräfte setzen auf Geschäftsmodelle, die finanzielle Stabilität und Nachhaltigkeit fördern. Dabei achten sie unter anderem auf eine optimierte Ressourcenallokation und verringern Ausschuss und Abfall. Dies wiederum steigert die operative Effizienz, erhöht die Finanzkraft und senkt das Kreditrisiko.

Vier Stellhebel für ein optimiertes Kreditgeschäft

Führen sich die Top-Führungskräfte der Banken diese Zusammenhänge vor Augen, können sie ihr Kreditgeschäft gezielt weiterentwickeln. Vier Stellhebel sind dabei entscheidend:

  • Verbessertes Kundenmanagement. Im Dialog mit Firmenkunden sollten Banken hervorheben, dass finanzielle Stabilität und Nachhaltigkeit einander bedingen. Erklären sich die Unternehmen zu Veränderungen bereit, lohnt sich auch ein Engagement bei Firmen, die zunächst ein niedriges ESG-Rating aufweisen.
  • Präzisere Risikoeinschätzung. Systematische ESG-Analysen erhöhen die Genauigkeit von Risikomodellen, versetzen Banken in die Lage, das Risikoprofil ihrer Kundschaft exakter einzuschätzen, und verschaffen ihnen so einen Wettbewerbsvorteil.
  • Differenzierte Kreditkonditionen. Die Aussicht auf bessere Konditionen können Unternehmen motivieren, ihre Anstrengungen in puncto Nachhaltigkeit zu verstärken.
  • Erweiterte Finanzierungsoptionen. Institutionelle Investoren warten nur darauf, dass Banken ESG-gebundene Kredite verbriefen. Zudem eröffnen sich über die Zentralbanken besonders günstige Refinanzierungsmöglichkeiten.

Tatsächlich nimmt die Bankenbranche das Thema Nachhaltigkeit mittlerweile ausgesprochen ernst. Beleg dafür ist beispielsweise der Zusammenschluss von 53 großen Kreditinstituten zur Net Zero Banking Alliance, die von den Vereinten Nationen initiiert wurde. Alle Mitglieder verpflichten sich, ihre mit Investitionen oder Krediten verbundenen CO2-Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts auf netto null zu reduzieren. Dies ist nicht nur ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels. Auch ist es der richtige Weg, um das Kreditrisiko zu senken und so die eigene Ertragskraft zu stärken.  

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Mehr Nachhaltigkeit schafft Vorteile bei der Kreditvergabe

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